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Die Menschheit in den Klauen der Drachen ist Gefängnis und Schutzschild zugleich.«
Alvera zog die Decke über Isadaras Schultern, während Lucienne in den Zeilen des mitgeführten Buches schmökerte und daraus eine furchtbare Gute-Nacht-Geschichte verfasste. Das Knistern des Feuers warf einige helle Funken in die Dunkelheit, und im Schein der Flammen zeichneten sich die Umrisse der ruhenden Reisenden ab. Die Rast am Boden war eine willkommene Abwechslung.
Seit Tagen waren sie unterwegs, was dem Fakt geschuldet war, dass das Gewicht der Gruppe im gestohlenen Karren auf Dauer zu schwer für den Hohen Himmelsdrachen Kaulani war, der sie nach dem Zwischenfall mit dem wieder auferstandenen Erddrachen Aschylus und den Drachenjägern aus dem wildgewordenen Smaragdwald gerettet hatte. Hinzu kamen die dünne Luft und die Kälte, die den Drachen zwar nichts auszumachen schien, Alvera, Niodora und augenscheinlich Lucienne jedoch schnell in Atemnot brachten. Viele Pausen waren daher unausweichlich und lange Strecken am Stück unmöglich.
Wieder bewegte sich Isadara in seinen Armen. Sein nicht mehr ganz so kleiner Schützling beruhigte sich trotz der für sie berauschenden Höhenluft fast gar nicht. Kaum schloss sie die Augen, zuckte sie kurze Zeit später nach oben, schwer atmend und weinend. Fest eingekuschelt, an ihn gepresst und unter der dicken Decke, die sie unterhalb der Bänke der Karre gefunden hatten, kam sie wenigstens etwas zur Ruhe.
»Du sorgst dich unnötig«, sagte Lucienne, die ihn mit dem Blick aufspießte. Sie war ihm höchst unsympathisch. Isadara litt unter den Toten, die ihr in ihren Träumen die Schuld am unnatürlichen Verhalten des Waldes gaben, und die Schwarzhaarige verzog dagegen keine Miene. An jedem Stopp schrieb sie in dieses alte, abgegriffene Buch.
»Woher willst du das wissen?« Er bemühte sich, nicht allzu laut zu werden. Gerade war er froh, dass sich sein Mündel halbwegs entspannte.
»Sie ist ein junger Drache. Sehr robust. Kein Grund, sich zu sorgen.«
»Du hast davon keine Ahnung.«
»Hört auf zu streiten«, warf Niodora knurrend ein, die mit dem Rücken zu ihnen auf dem Boden lag. »Einige von uns versuchen zu schlafen.«
Alvera schnaubte aufgebracht, war aber froh, dass Lucienne einlenkte und die Nase zurück ins Buch steckte. War er zu angespannt? Sorgte er sich zu sehr? Es war doch nichts dabei, sich Gedanken zu machen, oder?
Isadara war sonst immer so fröhlich, selbst im Angesicht eines sicheren Sturzes aus einigen Kilometern Höhe – die Erinnerung an Rubia und den darauffolgenden wilden Ritt in Maekas Klauen bereiteten ihm immer noch Kopfschmerzen –, aber der Tod von Aschylus erschütterte ihn noch immer. Er verstand nicht, was beim Überfall durch die Drachenjäger überhaupt passiert war und versuchte, es nochmal und nochmal durchzuspielen.
Isadara hatte Aschylus nach seinem Ableben irgendwie kontrolliert und ihn auf Nanya gehetzt, die für seinen Tod verantwortlich war. Dann der lauteste Knall, den er jemals in seinem Leben gehört hatte, und im nächsten Moment rissen er und Maeka die kleine Drachenprinzessin aus den Fängen wildgewordener Wurzeln.
Gerne hätte er Kaulani gefragt, doch während des Fluges verstand man ihn in einer Konversation kaum, und am Boden fiel er in eine Art Meditation, bis er wieder bei Kräften war, um sie einen weiteren Streckenabschnitt die Berge hinauf zu schleppen. Maeka und Niodora konnten sich keinen Reim darauf machen, und Deirdre brauchte er gar nicht erst zu fragen. Die meiste Zeit versteckte sie sich unter ihren Flügeln oder klebte an Luciennes Lippen, wenn sie eine Geschichte erzählte. Soweit Alvera das verstand, war sie eine der Gelehrten im heiligen Baum gewesen, was ihre durchgeknallten Fabeln erklärte. Sie redete von »Jahreszeiten« und metallenen Vögeln, die in ihrem Bauch die Menschen von einem Ort zum anderen brachten. Von dünnen Platten, mit denen man ferne Länder sah, oder Boxen, mit denen man mit Menschen am anderen Ende der Welt sprechen konnte. Alles Geschichten aus einer Zeit ohne Drachen. Alvera schüttelte jedes Mal den Kopf. Jedes Wort klang absurd.
Endlich trottete Maeka aus dem Schatten zurück in den Schein des Feuers, ließ sich neben Alvera nieder und reichte ihm eine kleine Schale mit Wasser. So hoch in den Bergen war es nicht immer leicht, Frischwasser zu finden. Dankend nahm der Gwenja einen Schluck.
»Wann sind wir endlich da?«, murmelte Alvera, hoffend, dass er keinen weckte.
»Morgen sollten wir Carum erreichen, denke ich. Zugegebenermaßen bin ich etwas aufgeregt. Ich war noch nie dort.«
»Ist doch nur eine Stadt, oder?«
Maeka schnaubte unzufrieden. »Carum ist ganz anders als Calcita oder Rubia. Es ist einzigartig. Kaulani lässt die Menschen dort selbst entscheiden und herrschen. Ihm gehört alles, aber Carum könnte sein eigenes Reich sein, unabhängig von Hiyadella.«
»Die Drachenlady lässt das einfach so zu?«
»Sie überlässt die Reviere den Hohen Drachen. Wie sie herrschen, ist deren Sache. Aber nicht alle sind so grausam wie der Hohe Schattendrache.«
»Klingt kompliziert.« Alvera brummte leise, wodurch Isadara sich wieder in seinem Arm rührte. Sanft strich er ihr über die blonden Haare. Wenn sie sich beruhigte, würde er einen erneuten Versuch starten, Schlaf zu finden. Isadaras Alpträume hielten ihn genauso wach wie sie.
»Ist es auch. Ich verstehe es selbst kaum.« Maeka grinste, stieß Alvera dann behutsam an. »Du solltest noch etwas schlafen. Ich pass schon auf euch auf.«
Isadara verriet nicht, dass sie alles mithörte. Sie kuschelte sich lieber an Alvera, das Gesicht an seinen warmen Oberkörper gedrückt. Schlaf blieb jedoch aus.
Einzig die frische Luft, die ihre Nase beim Flug am darauf folgenden Tag mit Kaulani umspielte, hob für kurze Zeit das Gewicht von ihren Schultern. Der Hohe Himmelsdrache glitt mit Leichtigkeit durch die wilden Windböen, die unvorhersehbaren Seitenwinde, tiefhängende Wolken und kurzzeitig einsetzenden Hagel. Die Luft war aufgeladen von Blitz und Donner. Das alles kümmerte den Drachen nicht. Mit kräftigen Flügelschlägen hob er den massiven Körper über die Spitze des nächsten Berges, über die dicke Decke der Wolken.
Die Luft veränderte sich schlagartig. Isadara erhob sich von ihrem Platz zwischen Maeka und Alvera, an den Rand der Karre, der nach vorne zeigte. Auch die übrigen Insassen wagten einen Blick aneinander vorbei. Kaulani stieß ein lautes Brüllen aus, als würde er seine Stadt grüßen.
In der Ferne thronte ein einzelnes, gigantisches Gebäude auf der Spitze des höchsten Berges. Der zentrale Turm kletterte bis ins Blau des ewigen Himmels, und ein metallener Glanz refl ektierte die warmen Strahlen der Morgensonne. Aus den Wolken stiegen kleine Kugeln aus Dampf hinauf, und auch die Hitze von unten war deutlich spürbar. Dort, wo man durch den dicken Brei aus kondensiertem Wasser sah, erkannte Isadara Gebäude, die fein säuberlich aufgereiht an den Klippen hingen. Unzählige kleine Wasserfälle traten aus dem Stein hervor, setzten bei ihrem Fall in die Tiefe unterschiedlich große Räder in Gang und drehten sie dadurch unaufhörlich. In den Schatten der Berge glitzerten Lichter wie Sterne im Nachthimmel.
Ihr erster Eindruck hatte sie nicht getäuscht. Die Häuser, die Verbindungsbrücken, die Räder und Teile der Straße waren alle aus grau-braunem Metall. Es sang, sobald der Drache darüber hinwegflog, und Isadara lächelte das erste Mal seit einer Weile wieder. Der Klang des Metalls löste in ihr eine Woge von Zufriedenheit aus, als würde sie Alvera in Gold packen und sich auf ihm einrollen. Sie wollte unbedingt sehen, was es damit auf sich hatte. Sie hatte bisher keine Häuser aus etwas anderem als Holz und Stein gesehen.
Kaulani hielt weiter auf das große Gebäude zu, welches ebenfalls einige Elemente aus hartem Eisen aufwies. Der größte Teil der weißen Mauern bestand aus Stein, doch viele der Ecken, Verbindungen, Scharniere und Stücke des Dachs waren reich verziert mit Gold und Silber. Seine kräftigen Flügelschläge ließen einige der bunten Fenster vibrieren, die ihm gar nicht so unähnlich waren. Isadara erkannte ein paar Bilder, die Drachen sowie Menschen zeigten. Schließlich steuerte er eine Platte an, die auf einer etwas niedriger gelegenen Bergspitze gebaut und mit einer Brücke ans Hauptgebäude angeschlossen war.
Wie schon bei ihren sonstigen Zwischenlandungen, setzte Kaulani den Karren ein paar Meter weiter entfernt ab, bevor er seinen schweren Körper in sicherer Entfernung auf den Stein fallen ließ. Sofort klappte er die Flügel eng an den Rumpf, wodurch er zur schwarzen Echse wurde, was Deirdre beim ersten Mal urkomisch gefunden hatte. Isadara sprang gleich vom Gefährt, rannte zum Rand der Platte und warf einen Blick auf die Stadt unter ihnen. Die Gebäude waren dicht aneinandergedrängt, doch kam es ihr nicht so unnatürlich vor wie in Calcita. Allerdings schwang die Angst, man könne abrutschen und in einem der Wasserfälle verschwinden, durchaus mit. Alvera kam zu ihr, wurde beim Anblick sofort bleich um die Nase.
»Warum muss es immer Wasser sein?«, murrte er unzufrieden. Isadara rutschte neben ihn und nahm seine Hand.
»Ich mag Wasser.«
»Du gehst ja auch nicht unter wie ein Stein.«
»Kann Maeka dir nicht Schwimmen beibringen?«
»Könnte ich«, warf der Erddrache ein, der sich mit den anderen zu ihnen gesellte. »Aber dann könnte ich sein dummes Gesicht nicht mehr sehen, wenn er baden muss.«
Alvera streckte ihm die Zunge heraus, doch Isa sah lieber wieder auf die glänzende Stadt. Je länger sie durch die Wolkendecke sah, umso mehr Gebäude erkannte sie. Menschen schlichen die schmalen Wege entlang, und von einer gebauten Platte aus Holz, Metall und Stein über einem Abhang drang der Klang eines Marktes bis zu ihnen herauf. Die meisten schienen die Rückkehr des Hohen Himmelsdrachens gar nicht zu bemerken und gingen weiter fleißig ihrem Tagewerk nach. Sie sahen alle ganz anders aus als die Menschen in Rubia oder Calcita. Dicke Überwürfe, Jacken und Mäntel verlagerten den Schwerpunkt, und doch schleuderte es die schmalen Figuren bei einem kräftigen Windstoß gegen den Hintermann. Hier und da fi elen Isadara Humanoide auf, die ein dünnes Tuch über den Augen oder den Mund trugen, doch das war für alle selbstverständlich.
Ihr wurde mulmig. Dieser Faolan hatte sein Gesicht im ähnlichen Stil versteckt, als sie ihm in Rubia begegnet waren. Was, wenn er sich unter ihnen befand und keiner bemerkte es? Auch Nanya war einfach so in den Smaragdwald spaziert. Dabei sollten die Drachen solche Übergriffe doch vermeiden, oder nicht?