WRITING PROMPT #1 – Die Abstimmung

Wir hatten einen Writing Prompt free4all online gestellt und möchte die Geschichten, die uns erreicht haben, jetzt zur Abstimmung stellen. Die beste Einsendung kommt als Zusatz in die Neuauflage von „Nicholei“ und Ascalon (Teil 1). Ihr dürft wählen, den passenden Promt könnt ihr als Bild ganz unten nochmal nachlesen.

GESCHICHTE 1

„Da musst du mal in dem Vertrag nachschauen. Stand bei mir im Kleingedruckten.“ Luisa saß neben mir auf der Parkbank und schlürfte an ihrem Triple-Macchiato. Ich starrte auf den Becher in meiner Hand: Kaffee, schwarz, das billigste Getränk im Coffee Shop – und selbst das hatte sie für mich bezahlen müssen. Ich wusste nicht, was mich nervöser machte: Dass ich schon seit Monaten nur noch für wenige Schichten im Restaurant eingeteilt war und mein Kontostand zu Beginn des Monats rote Zahlen aufwies, oder dass mir Luisa eben vorgeschlagen hatte, meinen Mietvertrag auf alternative Zahlungsmöglichkeiten zu prüfen.
„Hast du das schon mal gemacht?“, fragte ich leise und schaute mich um. Konnte uns jemand hören?
„Natürlich! Ständig.“ Sie lachte, als hätte ich das wissen müssen. „Ein paar Eisentabletten und Rote-Beete-Saft, und zack, Urlaub auf Bali ist sicher.“
Ich stutzte. Irgendwie hatte ich immer gedacht, Luisa hätte reiche Eltern, die sie unterstützten, wenn sie mal wieder knapp bei Kasse war. Unwillkürlich warf einen Blick auf ihren Hals.
„Ich könnte das nicht. Ich meine, es ist … Blut.“ Das letzte Wort war nur ein Flüstern. Wieder sah ich mich um, doch niemand schien uns zu beachten. Luisa rollte mit den Augen. „Blut, das mein Körper in ein paar Tagen wieder nachproduziert, während ich am Strand liege und ein Buch lese. Kannst du das Gleiche von der Zeit sagen, die du in diesem ranzigen Schuppen verbringst? Wird die auch wieder nachproduziert?“ Sie war aufgesprungen und zog ihren Kragen nun betont ein Stück höher.
„So war das nicht …“ Bevor ich den Satz beenden konnte, lief sie davon.

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Die Klausel in meinem Mietvertrag ging nur über ein paar Zeilen, versteckt hinter dem Absatz zu „Schaden durch höhere Gewalt“. Anstelle einer monetären Begleichung besteht die Möglichkeit, die Mietschulden ganz oder in Teilen in Blut zu begleichen. Dies beruht auf freiwilliger Basis und bedarf in jedem Fall der Zustimmung des Vermieters. Es war nicht so, dass ich ernsthaft darüber nachdachte. Es war nur … es erschien mir so verrückt, dass so etwas in einem Vertrag festgeschrieben stand. Aber es war ja legal, warum also nicht? Luisas Worte hallten noch immer in meinem Kopf nach. Kannst du das Gleiche von der Zeit sagen, die du in diesem ranzigen Schuppen verbringst?
Konnte ich nicht.
Ich wollte gerade ihre Nummer wählen und sie fragen, was genau „ganz oder in Teilen“ bedeuten sollte, als es an meiner Wohnungstür klopfte. Mein Vermieter war ein großer Mann, der seine dunklen Haare stets adrett nach hinten frisiert trug, und aussah, als wäre er Ende Dreißig, obwohl er mindestens zwei Jahrhundertwenden miterlebt hatte. So ganz genau wusste ich das nicht.
„Entschuldigen Sie die Störung,“ sagte er, als ich die Tür öffnete. „Ich kam nicht umhin zu hören, dass Sie die Alternativbegleichung in Betracht ziehen.“
Wie hatte er denn davon hören können?
Er lächelte ein wenig beschämt. „Lauschen ist eine schlechte Angewohnheit, ich weiß. Es lässt sich nur so schlecht abstellen. Und bei diesem sensiblen Thema komme ich lieber gleich selbst vorbei. Darf ich kurz?“
Ich wollte verneinen, doch schon schlüpfte er aus seinen Schuhen und ließ sie auf dem Abtreter stehen. Bevor ich es ihm anbieten konnte, hatte er auf dem Sofa Platz genommen und winkte mich zu sich. Vorsichtig schloss ich die Wohnungstür – nicht, ohne einen Blick auf den Gang zu werfen, ob jemand uns gesehen hatte – und setzte mich neben ihn.
Ich gab mir Mühe, ihn nicht direkt anzusehen. Meine Mutter hatte immer gesagt, dass Vampire – die Ältesten – die Kunst der Hypnose beherrschten. Ein Blick von ihnen und man war verloren.
Mein Vermieter räusperte sich. „Sie sind Nichtraucher.“
„Ja,“ erwiderte ich und er hob belustigt eine Augenbraue. Es war keine Frage gewesen. „Sie sind jung, essen einigermaßen ausgewogen und gehen viel zu Fuß. Keine Sorge, ich beobachte Sie nicht, ich erkenne lediglich die Wadenmuskulatur.“ Unschlüssig blickte ich auf die weite Jogginghose, die ich trug. „Sagen wir, ich biete Ihnen den Höchstsatz. Eine Monatsmiete.“
Eine Monatsmiete? Wie viel müsste ich ihm dafür denn geben? Vor meinem inneren Auge füllte sich ein Gefäß langsam bis zum Überlaufen mit einer roten Flüssigkeit und mir wurde schlecht.
Vielleicht konnte ich doch noch mal im Supermarkt fragen, ob sie jemanden für die Kasse brauchten? Ich müsste ein paar mehr Stunden investieren, um eine Monatsmiete zu verdienen, klar, aber …
Es war besser, wenn er wieder ging. Ich setzte an, ihn darum zu bitten, doch die Worte wollten nicht über meine Lippen. „Haben Sie das schon öfter gemacht?“, hörte ich mich stattdessen fragen.
„Nicht so oft, wie Sie befürchten, aber öfter als die Leute glauben.“ Er seufzte. „Öfter, als sie es zugeben.“ Er beugte sich vor und fing meinen Blick auf. Konnte er mir ansehen, dass ich es auch nicht zugeben wollen würde? Nur weil etwas per Gesetz erlaubt war, bedeutete ja nicht, dass es auch richtig war. Mein Vermieter hatte schöne Augen, stellte ich fest. Tiefblau. Ich sollte Luisa anrufen. Sie kannte sich aus, sie machte das schließlich ständig. Aber nein, ich hatte doch beschlossen, dass ich nicht … Wo war mein Telefon? In meiner Hand, aber es lag schwer darin. Mit einem dumpfen Klonk fiel es zu Boden.
„Eine Monatsmiete?“, fragte ich.Nein, ich würde nicht wirklich …
„Eine Monatsmiete,“ flüsterte er an meinem Ohr.
Kannst du das Gleiche von der Zeit sagen … Es musste doch niemand davon erfahren, oder?
Blut spenden rettet Leben, sagt man doch.“ Seine Stimme war sanft. „Es ist in Ordnung, wenn es Ihr eigenes ist.“
Ich machte das nicht für Bali. Ich machte das gegen die roten Zahlen, das war etwas anderes. Nächsten Monat würde ich wieder mehr Schichten übernehmen und die Sache war vergessen.
Ich machte das ja nicht ständig.
Nur dieses eine Mal.

GESCHICHTE 2

Nervös klopfte Matthias an die Holztür der Wohnung, die sich sein Vermieter im Keller ausgebaut hatte. Als sich eine Weile nichts getan hatte, beschloss er, es später erneut zu versuchen und machte sich auf den Rückweg. Vielleicht war er noch auf der Arbeit oder unterwegs.
»Herr Sommerfeld?«, rief ihn die rauchige Stimme seines Vermieters.
»Hi, hallo, ich, ähm«, stammelte Matthias, nachdem er sich ruckartig umgedreht hatte, die Hände in den Hosentaschen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte sich an die Worte zu erinnern, die er sich auf dem Weg zurechtgelegt hatte.
»Kommen Sie doch erstmal herein, dann brauchen wir das nicht auf dem Flur besprechen«, schlug der andere vor und trat einen Schritt zur Seite, um ihn mit einer Handbewegung reinzuwinken.
Matthias nickte und ging mit gesenktem Kopf an ihm vorbei in die Wohnung, die aus einem Katalog stammen könnte. Sie setzten sich an den Esstisch, der aussah, als wäre an ihm nur selten gegessen worden.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte Herr Dohren ihn freundlich.
Überwältigt konnte Matthias die Tränen nicht zurückhalten, die simple Nettigkeit nach all seinen Rückschlägen war zu viel für ihn. Vor drei Monaten war ihm vom Amt der Geldhahn abgedreht worden. Formfehler. Prüfung der Gegebenheiten. Seitdem: Zwiebelportemonnaie. Herr Dohren hatte ihm einen Mietaufschub gewährt, der nun endete. Matthias atmete, von seinem emotionalen Ausbruch erschöpft, tief durch und legte den Kopf in die Hände. Er hörte wie Herr Dohren für einen Moment den Raum verließ. Kurz darauf stellte er ein Glas Wasser auf den Tisch das Matthias dankbar annahm.
»Ich hab echt alles versucht, aber ich bekomm immer nur wir melden uns, wenn alles fertig istvon denen zu hören.« Er dachte an die mageren Ersparnisse aus seinem Studentenjob, die er nicht zum reinen Überleben gebraucht hatte. »Ich hab ungefähr eine halbe Miete zusammen, ich weiß, dass ist nicht viel, aber ich brauch diese Wohnung unbedingt!«
Herr Dohren schwieg, hatte sich alles ruhig angehört. Ohne Vorwarnung eröffnete er: »Wenn Sie wirklich etwas beitragen wollen, ohne die Miete zu zahlen, gäbe es etwas, was Sie für mich tun könnten.«
Die Räder in Matthias‘ Gehirn begannen zu arbeiten. Meinte er Hausmeisterdienst oder etwa-? Seine Verwunderung musste ihm an der Nasenspitze ablesbar sein, denn der andere seufzte.
»Eine Spende sozusagen.«
Matthias hob verwundert die Augenbrauen. »Ich habe doch kein Geld, wie soll ich da etwas spenden?«
»Nicht Geld. Blut.«
Mit offenem Mund starrte Matthias seinen Vermieter an und versuchte das Gesagte zu verarbeiten. »Blut?«, fragte er verdutzt. »Gibt es denn einen Blutspendedienst in der Nähe, wo man gegen Geld spenden kann?«
»Nein, ich meinte eher in einem privateren Rahmen«, antwortete Herr Dohren kryptisch.
Matthias‘ Magen zog sich zusammen. Warum brauchte sein Vermieter Blut? Der andere schien sein Unverständnis, wenn auch nicht sein Unbehagen, zu bemerken, denn er fuhr im Plauderton fort: »Sie sollen mir spenden. Ich besitze die im Krankenhaus üblichen Gerätschaften, die entsprechend steril sind. Mehr als die üblichen Spendenmengen brauche ich nicht.«
»Wofür brauchen Sie mein Blut?«, fragte Matthias skeptisch, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er die Antwort wirklich wissen wollte.
»Um es zu trinken.«
Matthias setzte an etwas zu sagen, etwas zu fragen, doch aus seiner Kehle entwich nur ein Quietschen.
»Ich bin ein Vampir. Ich ernähre mich in erster Linie von Tierblut, aber Menschenblut ist eine gern gesehene Abwechslung.«
Ein verkapptes Lachen konnte Matthias sich nicht verkneifen, doch dann sah er den Blick seines Vermieters. Er meinte es ernst. Das war kein Scherz.
»Also? Sind Sie einverstanden?«, wollte Herr Dohren, der Vampir, wissen.
Innerlich wägte Matthias seine Möglichkeiten ab und kam doch nur zu dem Entschluss, dass er keine andere Wahl hatte. Immerhin wollte der Vampir ihn nicht beißen, um an sein Blut zu gelangen und umziehen war definitiv keine Option.
»Wissen die anderen Mieter eigentlich was Sie sind?«, fragte Matthias, als Herr Dohren die Gerätschaften auf dem Esstisch aufbaute. So nervös er auch war, seine Neugierde war doch geweckt worden.
»Die Älteren. Irgendwann kann man nicht mehr verbergen, dass man selbst nicht altert«, erklärte er beiläufig, »Die meisten nutzen meine Wohnungen nur als Übergangslösung und leben nicht lang genug hier, um etwas zu bemerken.« Er bedeutete Matthias, ihm seine Hand zu geben und stach ihm mit einer kleinen Nadel in die Fingerspitze des Zeigefingers.
»Au!«, protestierte Matthias und zog die Hand weg, um den sich bildenden Blutstropfen abzulecken, doch sein Handgelenk wurde mit einer Kraft festgehalten, die keine weitere Bewegung zuließ.
»Ich prüfe Ihren Eisenwert, so wie es auch bei der Blutspende gemacht wird«, erklärte Herr Dohren trocken und bestimmt, seine Augen so kalt wie seine Hand.
Matthias schluckte und nickte.
Der Test zufriedenstellend, setzte der Vampir die Nadel gekonnt ein. Anschließend überließ er Matthias seinen Gedanken, während das Blut langsam aus ihm herauslief, indem er sich in ein Nebenzimmer zurückzog. Den Gerätschaften nach zu urteilen, war er bei weitem nicht der erste Mieter oder Mensch, der als Nahrungsergänzungsmittel diente. Vielleicht sollte er sich mit den anderen Austauschen, oder sie zumindest informieren, dass nun auch er zur Mahlzeit geworden war.
Das Piepen der Maschine ließ Matthias zusammenzucken. Ehe er sich versah, war die Einstichwunde versorgt und er stand verdattert wieder im kalten Kellerflur.
»Danke, wir sehen uns dann in drei Monaten«, verabschiedete sich der Vampir mit einem Grinsen, das seine scharfen Eckzähne offenbarte, bevor er Matthias die Tür vor der Nase zumachte.

Für einen Moment starrte Matthias vor sich hin, versuchte das Geschehene zu begreifen. Dann schüttelte er den Kopf. Hoffentlich hatte sich bis dahin alles geregelt. Einerseits war die Blutspende eine günstige Alternative, andererseits wollte er nicht mitten in der Nacht überfallen und ausgesaugt werden. Vielleicht sollte er mit den anderen Mietern auch über Schutzmaßnahmen sprechen? Würden sie ihm überhaupt glauben? Seinen Freunden sollte er besser nicht davon erzählen, die erklärten ihn vermutlich für verrückt. Oder fingen an Herrn Dohren zu belästigen, indem sie ihm ihr eigenes Blut anboten. Da bezahlte er dann doch lieber seine Miete wie es sich gehörte, um weiter in dem Glauben zu bleiben, dass alles in seinem Haus komplett normal war.

JETZT seit ihr dran! Eure Stimme zählt! Viel Spaß dabei!

J

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