Das Dorf der Druiden – Sophia Alea

Sinthari verzog das Gesicht. Im Schutz der Mauern war es völlig egal gewesen, was sie trug, denn der Wind wurde durch Magie und Sonne zu einer angenehmen Brise abgeschwächt. Hier, außerhalb der Mauern, strich der Wind allerdings erbarmungslos über das Land und ließ sie frösteln. Das dünne Hemdchen, das sie trug, bot keinen Schutz gegen das Wetter und das alte, rostige Schwert, das sie zufällig als kleines Mädchen gefunden und seitdem wie einen Schatz gehütet hatte, war wahrscheinlich keine große Hilfe gegen Angreifer. Doch davon würde sie sich von ihrer Aufgabe abhalten lassen.

Sie schluckte trocken. Ihr Herz schlug noch immer wild in ihrer Brust, die Aufregung, aus der Stadt raus zu kommen, war überwältigend. Das rhythmische Pochen ihres Herzens vermischte sich mit dem dumpfen Klang ihrer Schritte auf dem goldgepflasterten Weg, der aus Azuralis hinausführte. Sie wusste aus Erzählungen, dass mehrere Wege zu Dörfern, Siedlungen und Stützpunkten auf diese kostspielige Weise angelegt worden waren. Alle diese Straßen waren sicher und wurden regelmäßig von Sonnenelfen genutzt. Nur der Weg in die Badari-Berge war immer wieder von den Trollen zerstört worden. Blut, Knochen und abgebrochene Klingen hatten sich dort mit herausgerissenen Pflastersteinen vermischt und kaum einer wagte sich mehr in diese Berge. Das ideale Versteck, wenn man vor der königlichen Garde flüchtete.

Eigentlich war es eine ziemlich dumme Idee, sich alleine in die Berge zu begeben, aber vielleicht würde sie dort einen Anhaltspunkt finden, der ihr weiterhalf. Unsicher, ob es nicht klüger war, doch aufzugeben, warf sie einen Blick über die Schulter und musste unwillkürlich lächeln. Die Stadt glitzerte und funkelte wie ein Juwel im Sonnenlicht und Heimweh überkam sie. Doch sie verdrängte dieses Gefühl und konzentrierte sich auf das, was vor ihr lag. Nur um sicherzugehen, entfaltete sie die Karte und überprüfte noch einmal den Weg, den sie einschlagen wollte. Angst stahl sich in ihr Herz, doch sie wusste, dass ein wahrer Krieger sich davon nicht beeinflussen ließ. Wut war die Quelle ihrer Macht, nicht Magie oder das Licht. Wut. Berserkerkraft. Unbändiger Beschützerinstinkt. Sie hatte genügend Lehrbücher über die Kriegertechniken und Fähigkeiten gelesen, um die Theorie dieser Klasse im Schlaf zu beherrschen. Sinthari zwang sich, ruhig zu atmen. Der Berserkerrausch, von dem sie immer gelesen hatte, erschreckte sie und sie war sich nicht sicher, ob sie schon bereit war, diesen zu erleben. Doch früher oder später musste sie jede einzelne Attacke meistern, um den Kriegern ihres Volkes zu beweisen, dass sie würdig war, eine von ihnen zu sein – und dieses Mal würde sie sich nicht den Rücken von ihren Schwestern stärken lassen. Damit war jetzt Schluss, schwor sie sich. Plötzlich spürte sie etwas Nasses auf ihrer Haut. Tropfen fielen vom Himmel, landeten in ihrem Nacken. Sie hob den Kopf und fluchte lautlos. Es begann zu regnen. Genau das hatte ihr jetzt noch gefehlt!

Sinthari sah sich um. Weit und breit nur die rotgoldenen Bäume, die ihr Volk vor vielen, vielen Jahren gepflanzt hatte, um sich von ihren nachtliebenden, in den Schatten lebenden Verwandten zu distanzieren und die mit ihrer eigenwilligen, durch Magie erzwungenen Form keinen Schutz vor dem Regen bieten würden. Kein Unterschlupf, nichts, das ihr Sicherheit bieten könnte. Sie zog die Schultern hoch, als die Regentropfen immer stärker niedergingen. Mit großen, schnellen Schritten eilte sie den Weg entlang, hoffte auf einen Hinweis zu einer Höhle oder einer verlassenen Waldhütte – irgendetwas. Doch weit und breit nicht einmal ein Felsvorsprung, unter dem sie sich hätte verkriechen können. Die Badari-Berge beschützen die Stadt, doch boten an sich keinen großen Schutz vor dem Wetter. Geschichten erzählten von Siedlungen am Fuß des Berges, deren Bewohner einst als Vermittler zwischen den Badari-Trollen und den Elfen dienten. Doch wenn man glauben durfte, was erzählt wurde, waren diese Vermittler schon vor langer Zeit niedergemetzelt worden. Von beiden Völkern verachtet, hatte sich niemand darum gekümmert. Sinthari war sich sicher, dass nicht einmal ihre Namen bekannt waren und niemand die Möglichkeit hatte, um sie zu trauern. Wenn es denn jemanden gab, der um sie hätte trauern können. Bei dem Volk soll es sich um Mischwesen aus Elfen und Trollen gehandelt haben, die mit Naturmagie ausgestattet waren. Ihre nachtelfischen Verwandten waren ebenfalls in der Naturmagie, dem Druidentum, bewandert, das wusste sie, aber sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass Sonnenelfen bereit waren, auf die ungeheure Macht zu verzichten, die die Sonnenmagie mit sich brachte. Druiden nutzen Wind, Wasser, Erde und Luft für ihre Zauber, waren an ihre Umgebung gebunden und konnten nur naturbezogenes erschaffen. Sonnenmagie war vielfältiger, erlaubte größere, nein, gewaltige Taten. Manchmal wünschte sich Sinthari, begabter und magiestärker zu sein. Aber das war sie nun einmal nicht und musste jetzt eben das Beste aus ihrer Situation machen.

Schnellen Schrittes lief sie weiter. Irgendwann müssten doch diese ominösen Hütten auftauchen, wenn es diese Siedlung wirklich gegeben hatte. Der Regen auf ihrer Rüstung ließ sie wie frisch poliert glänzen, doch sie wusste, das einzige, was bleiben würde, wären Rostflecken, die dem Ganzen nicht nur ein unschönes Aussehen verleihen, sondern ihre Rüstung auch ruinieren würden. Das alte Kettenhemd ihres Großvaters, der im Krieg gegen die Trolle gekämpft hatte, war ihr viel zu groß und hatte Löcher, faustgroße Löcher. Es würde ihr keinen wirklichen Schutz bieten und mit dem dünnen Hemdchen, das sie darunter trug, fror sie jämmerlich. Der Regen hatte es durchweicht, das schwere Metall drückte auf ihre Schultern, ließ ihren Rücken schmerzen und ihre lederne Hose fühlte sich klamm an. Langsam, aber sicher musste sie ins Trockene, sonst war ihr Abenteuer schneller vorbei, als es angefangen hatte. Sinthari fröstelte, beschleunigte ihre Schritte noch einmal, rannte schließlich den Weg entlang und seufzte erleichtert, als ihr durch die Anstrengung etwas wärmer wurde. Ihr nasses Haar klebte in ihr Gesicht. Sie strich sich immer wieder einzelne Strähnen aus der Stirn. Wasser lief ihr in die Augen, erschwerte ihr die Sicht. Und dann glaubte sie, am Horizont etwas zu erkennen. Etwas, das aussah wie Dächer. Erleichterung flutete ihr Herz, ihre Schritte wurden noch etwas schneller, aber auch leichter.

 

Die Stille war bedrückend. Sie fühlte sich falsch an, erfüllt mit Trauer. Unheimlich und niederschmetternd. Die Häuser, runde kleine Steingebäude bestanden aus Naturstein, unbehandelt und ganz anders, als sie es von der Hauptstadt gewohnt war. Schmucklos, einfach, unregelmäßig – so, als wäre das Geröll aus den Bergen ohne behauen zu werden gleich in die Hauswände eingesetzt worden. Ein faszinierender Gedanke. Sinthari streckte vorsichtig die Hand aus, berührte die raue Oberfläche. Die Steine erzählten von Leben, das einst in den Räumen, die sie bildeten, stattgefunden haben musste, zeugten von Lachen und Weinen; Leben und Liebe. Zeugen einer Zeit, die wohl schon lange vergangen war, wenn sie sich den Zustand der Gebäude genauer ansah. Im Gegensatz zu den verlassenen Gebäuden ihres Volkes schienen diese hier im Einklang mit der Natur zu sein, die sich ihrer wieder bemächtigte. Als wären sie absichtlich so konzipiert worden, dass sie beim Verfall wieder zu dem wurden, was sie einst waren. Auch wenn sie es nur ungern zugab, sie war ehrlich beeindruckt, was dieses Volk geschaffen hatte. Und ja, man konnte von Volk sprechen, wenn sie den Zeichnungen in einem alten, vergilbten Buch glauben durfte, das aufgeschlagen auf einem Tisch lag. Sinthari konnte einfach nicht anders. Sie hatte eines der Häuser betreten müssen. Einfach, um nachzusehen, wie die Druiden damals gelebt haben und, natürlich, um Schutz zu suchen. Dabei konnte es auch nicht schaden, wenn sie sich etwas umsah. Bewegung tat gut und wärmte sie. Vielleicht fand sie ja auch etwas, was sie zum Anheizen des Ofens benutzen konnte.

Das Leben, das einst in diesen Mauern stattgefunden hatte, war wie ein Echo, während sie durch die Räume streifte. Wer immer hier gelebt hatte, war plötzlich aufgebrochen, ohne seine Sachen zu packen. Etwas musste vorgefallen sein. Etwas ziemlich Unerwartetes.

Ranken wickelten sich um ihre Knöchel und warfen sie zu Boden.

»Was zur …?« Sinthari strampelte, kam aber nicht frei. Naturmagie, das konnte sie spüren. Sie griff nach ihrem Schwert, schlug nach den Ranken, doch die Wurzeln, die aus dem nichts wucherten, schlangen sich um ihre Arme, hielten sie am Boden fest. »Wer ist da? Was soll das?«, schrie sie wutentbrannt. Ein roter Schleier legte sich über ihre Sicht. Wut stieg in ihr auf, verlieh ihr Kraft. Mit einem wilden Schrei befreite sie sich, sprang auf die Beine. Wer immer sie angegriffen hatte, würde jetzt sein blaues Wunder erleben. Das Schwert in der Hand stürmte sie aus dem Gebäude, ignorierte die Kälte in ihren Knochen. Sie würde ihren Angreifer finden. Sie würde ihn finden und zur Strecke bringen. Sinthari stolperte aus dem Raum, hieb nach den Wurzeln, sprang über sie drüber.

Die Berserkerwut, die ihre Sicht benebelte, übernahm ihr Denken. Mit einem wilden Schrei sprang sie aus einem Fenster, ins Freie hinaus. Ihr Blick flackerte, wanderte, suchte ihren Gegner. Plötzlich traf sie etwas Heißes und ein scharfer Schmerz durchfuhr sie. Irritiert sah sie auf – Sterne regneten vom Himmel. Sinthari brauchte einen Augenblick, um sich an die Kontermagie der Krieger zu erinnern, um sich zu schützen. Einige Sterne streiften ihre Wange, verletzten sie im Nacken. Die Berserkerwut verstärkte sich. Sinthari biss die Zähne zusammen, klammerte sich an ihr Schwert. Mit aller Macht blendete sie den Schmerz aus, der sie langsam zu betäuben drohte. Doch sie spürte, wie sie langsam an ihre Grenzen stieß. Ja, sie wusste jetzt eindeutig, dass sie das Talent zum Krieger besaß, aber ihr Körper war noch lange nicht bereit, der körperlichen Belastung standzuhalten. Das Schwert in ihrer Hand zitterte, die Klinge senkte sich.

»Wer bist du? Was willst du hier?« Mehr Knurren als Sprechen – Sinthari blinzelte. Das Rot vor ihren Augen verschwand und sie sank zu Boden. Der Schmerz jagte wild durch ihren Körper, die Erschöpfung betäubte sie beinahe vollständig. Sie versuchte zu erkennen, wer oder was da vor ihr stand, doch sie war sich sicher, dass ihr Gehirn ihr einen Streich spielte. Ein großer Mann mit seltsam geformten Ohren und merkwürdiger Haltung stand vor ihr. Wenn sie es nicht besser wüsste, könnte sie ihn für eine Mischung aus Troll und Elf halten. Hauer wie Trolle, Ohren wie Elfen, nur nicht so spitz, leuchtende Augen, wie durch Magie verstärkt, und eine Haltung, wie sie sie nur bei Trollen gesehen hatte, die mit der Größe ihres Körperbaus überfordert waren und einen Ausgleich suchten, indem sie die Schultern hängen ließen und leicht gebeugt standen. Aber das konnte unmöglich sein! Sinthari blinzelte. Auch wenn er ihr fremdartig erschien, war sie zugleich fasziniert. Sie hatte sich die Vermischung dieser beiden Rassen immer als unheimliche Monster vorgestellt, doch dieser hier war seltsam anziehend und gleichzeitig abstoßend durch sein fremdartiges Aussehen. Schwer atmend, die Augen noch immer auf den Druiden gerichtet, lehnte sie sich nach hinten, ließ ihr Schwert los.

»Was bist du?« Statt auf seine Fragen zu reagieren, musste sie einfach Gewissheit haben.

»Es ist unhöflich, Fragen nicht zu beantworten und mit einer Gegenfrage zu antworten. Es ist auch sehr ungehörig, in fremde Häuser einzudringen. Was willst du hier? Wer bist du?« Der Druide kam näher.

Gebannt starrte sie die wilden Tätowierungen auf seiner Haut an. Das dunkle Blau der Zeichnungen harmonierte mit dem hellen Türkis, in dem seine Haut leuchtete. Und ja, sie leuchtete, trotz des Regens, der noch immer vom Himmel fiel. Kleine Sterne tanzen um ihn herum und sie wich, so gut es ihr möglich war, vor ihm zurück. Sie wusste nur zu gut, wie sich diese Sterne auf ihrer Haut anfühlten – und sie war nicht sonderlich scharf darauf, diese Erfahrung zu wiederholen. Seine Augen hatten die Farbe von Ozeanen im Sturm. Es war ihr unmöglich, den Blick abzuwenden.

»Kannst du nicht sprechen? Ich habe davon gehört. Krieger sollen ja nicht gerade die Klügsten unter den Elfen sein, aber dass sie nicht einmal in der Lage sind zu sprechen, das habe ich nicht erwartet. Du kannst auch schreien, wenn das die einzige Art und Weise der Kommunikation ist, zu der du fähig bist.«

Sie wusste, sie sollte beleidigt sein. Sollte ihn anschreien, ihn beschimpfen, aber ihr fehlte die Kraft. Seine Angriffe und die körperliche Anstrengung ihrer Kriegerattacken waren einfach zu viel für sie gewesen. Sinthari öffnete den Mund, versuchte, ihre Gedanken zu sammeln und auszusprechen, doch sie schaffte es nicht. Stattdessen spürte sie, wie ihr Bewusstsein langsam schwand.

»Hm, ich hab dich wohl als stärker eingeschätzt, als du wirklich bist.« Er strich ihr mit einer Hand über die Stirn.

Sinthari seufzte erleichtert, als der Schmerz nachließ. Sie glaubte, Blätter um sie beide herumwirbeln zu sehen, tat es aber als Halluzination ab.

»Du bist noch nicht wirklich ausgebildet, nicht wahr? Du bist ja noch ein Frischling, ein Novize.« Sein Gesicht war nur noch wenige Millimeter von ihrem entfernt. Seine Augen musterten sie, leuchteten strahlend hell auf. »Das ist deine erste Aufgabe! Du bist noch nicht mal offiziell in der Ausbildung!« Er verengte die Augen. »Ich habe ein wehrloses Mädchen angegriffen … du hast noch nicht einmal dir Grundzüge deiner Klasse gelernt.« Er sah sichtlich entsetzt aus. »Du bist ja noch ein Kind!«

Sinthari runzelte die Stirn. Sie spürte, dass er sie heilte – Geschichten zufolge konnten Druiden heilen, Gegner zerschmettern und zerfetzen, und Naturgewalten über ihre Feinde regnen lassen – und ihre Kraft kehrte wieder zurück. Warum griff er sie an, nur um sie dann wieder zu heilen? Sie verstand es nicht. Hatte so viele Fragen, die sie ihm stellen wollte. »Ich bin kein Kind!«, war das Erste, was sie hervorbrachte, als sie die Fähigkeit zu sprechen wiederentdeckte. »Ich bin kein Kind!«

»Bist du dir sicher? Du bist arg klein und hast keinerlei nennenswerten Fähigkeiten gezeigt. Seid ihr Elfen alle so klein und schwach?« Er musterte sie neugierig. »Ich hab noch nie einen Elf gesehen. Ihr verirrt euch selten in die Berge und wenn, dann seid ihr bis an die Zähne bewaffnet.«

»Du bist ein Druide, nicht wahr? Einer dieser Mischlinge.« Das klang verächtlicher und abwertender, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. Doch die Tatsache, dass er sie wie ein kleines Kind behandelte, nervte sie. »Und zu deiner Information, ich bin eine Kriegernovizin. Meine Ausbildung erfolgt über Aufgaben, die ich erfüllen muss. Und ich bin nicht klein!«

»Du bist sehr klein. Sicher, dass du schon ausgewachsen bist?« Er lachte, wich ihrer Hand aus, als sie nach ihm schlug und Sinthari begriff: Er ärgerte sie mit Absicht, um sie aus der Reserve zu locken.

»Du bist ganz schön frech!« Sie funkelte ihn an. »Willst du dich nicht vorstellen? Immerhin hast du mich zuerst angegriffen! Ich habe nur Unterschlupf gesucht und wollte mich vor dem Regen in Sicherheit bringen.«

»Nun, eigentlich wäre es an dir, dich vorzustellen. Du bist hier der Eindringling in meinem Zuhause.« Der Druide hob eine Augenbraue – zumindest vermutete Sinthari, das es eine war. Immerhin verlief dieses buschige, haarige Gewächs über seinem Auge, auch wenn es recht groß für eine Augenbraue war. »Aber ich will mal nicht so sein. Sieh es als Entschuldigung, dass ich dich, kleines Mädchen, angegriffen hab‘.« Er räusperte sich. »Ich bin ein Druide des Gleichgewichts. Mein Name ist Mar´Zjinpawnalaitharion. Aber in der Regel nennen mich alle Marzi.«

»Wie?« Sinthari Mund klappte auf. So einen pompösen, aber auch seltsamen Namen hatte sie noch nie in ihrem Leben gehört.

»Mar`Zjinpawnalaitharion.«

»Das hört sich an, als würde ein Hexerdämon vor sich hin brabbeln.«

»Na, dann lass mal deinen Namen hören, wenn dir meiner schon nicht gefällt.«

Das hat mit gefallen nichts zu tun! Ich wüsste ja nicht einmal, wie man den schreiben soll! »Sinthari Morgentau.«

»Das passt. Bist wahrscheinlich auch so zerbrechlich wie ein Tautropfen.« Seine Hand wieder auf ihrer Stirn, seine Augen konzentriert auf ihr Gesicht gerichtet, schien er noch einmal überprüfen zu wollen, wie es ihr ging.

»Mir geht es gut. Allerdings ertrinke ich bald in diesem Regen. Wäre es möglich, dass ich mir in einem der Häuser Unterschlupf suchen darf, ohne dass du mich gleich angreifst? Mir ist echt kalt und ich hab Hunger und würde mich gerne etwas abtrocknen.« Sie schrie überrascht auf, als er sie hochhob und auf die Beine stellte. Er hatte recht, was sie aber niemals zugeben würde. Wenn sie neben ihm stand, war sie mehr als nur klein. Neben ihm war sie winzig – und wieder einmal recht farblos.

»Du siehst wirklich etwas mager aus. Kriegt ihr Elfen nicht genug zu essen?«

»Werdet ihr Druiden mit Düngemittel gefüttert oder warum seid ihr so groß?«, frotzelte sie zurück. So viele dumme Sprüche gegen die Elfen hörte sie eigentlich nur, wenn die Orc-Delegation in der Stadt war. Allerdings ärgerte es sie nicht einmal, wenn sie ehrlich war. Sie genoss diesen Schlagabtausch auch irgendwie. Wahrscheinlich Folgen von Hunger, Durst, Kälte und dem Angriff dieses Druiden.

»Komm mit, kleines Mädchen. Ich gebe dir etwas zu essen und auch eine Unterkunft für die Nacht, allerdings musst du etwas für mich erledigen.« Er umfasste mit einem Arm ihre Hüfte, klemmte sie sich unter den Arm und trug sie mit sich.

»Lass mich los! Was fällt dir ein? Lass mich gefälligst los!« Sinthari strampelte, schlug nach ihm, doch Marzi schien das nicht zu interessieren. Wie ein Stück Holz unter den Arm geklemmt, betrat er eine der wohnlicher aussehenden Häuser und stellte sie im Inneren ab. »Ich hab einen Eintopf auf dem Herd. Setz dich. Du siehst echt erbärmlich aus. Sehen alle Kriegernovizen so aus?«

»Nein, nur die, die versagen und kein Gold haben, um sich einzukaufen«, murmelte sie leise, während sie sich auf einen Stuhl setzte, der aus Wurzeln geschaffen zu sein schien. Das Feuer, das im Kamin brannte, wärmte sie und Sinthari entspannte sich langsam. Marzi schenkte ihr einen seltsamen, nachdenklichen Blick, rührte dann aber schweigend wieder in seinem Kessel. »Was soll ich denn für dich tun?« Bringen wir es hinter uns, dachte sie sich. Dann kann ich mich auf den Weg machen, dem Typ hier seine Kräuter besorgen und morgen weiter nach den Juwelen suchen. Wer hätte gedacht, dass das so anstrengend sein würde?

»Ich will, dass du ins Dorf der Badari-Trolle gehst und mir die Kräuter bringst, die sie dort anbauen. Die es nur dort gibt, denn wir, also wir Druiden, haben noch keinen Weg gefunden, diese eine spezielle Kreuzung aus verschiedenen Kräutern herzustellen. Und ich brauche diese speziellen Blüten, um das Gegenmittel herzustellen, das die Trolle schon sehr, sehr lange brauchen.«

»Und warum mischen sie es dann nicht selbst?« Jetzt bin ich mal gespannt.

»Weil man dafür einen bestimmten Heilzauber braucht und die Sterne um Beistand bitten muss. Mittels Sternenmagie und Heilzaubern kann man dieses Mittel herstellen. Die Badari-Trolle haben aber keine Druiden. Sie haben auch keine Magier. Nur Priester und Krieger, Jäger und Schurken. Und sie kennen auch nur Gewalt.«

»Ist das der Grund, warum du hier völlig allein bist? Sind die anderen geflohen?« Sinthari sah sich um. Auch in seinem Haus schien er völlig allein zu sein. Keiner im Dorf, keiner bei ihm. Er musste sehr, sehr einsam sein.

»Die anderen sind nicht geflohen. Wir wollten ihnen helfen, den Trollen. Aber … nun, sie kennen eben nur Gewalt. Und je länger die Suche nach dem Mittel dauerte, desto ungeduldiger wurden sie. Jeder Druide, der ihnen helfen wollte, kehrte nicht zurück. Immer wieder gab es Überfälle. Ich glaube, nein, ich weiß, dass, wenn es mir gelingt, ich sie alle befreien kann. Und dann bin ich hier nicht mehr allein.« Den letzten Satz hatte er sehr leise, kaum hörbar ausgesprochen. Sinthari schluckte. Sie konnte sie nicht vorstellen, wie er sich fühlte. Allein der Gedanke daran, brach ihr das Herz.

»Gut, an mir soll’s nicht scheitern. Wie kann ich dir helfen?« Sie musste ihm einfach helfen. Die Vorstellung, ihn hier mutterseelenallein zurückzulassen, war unerträglich. Und vielleicht würde ihr das angerechnet werden und die Kriegerobersten würden sie mit anderen Augen betrachten.

»Ach, nichts wirklich Wildes. Du musst nur in die Hütte des Häuptlings einbrechen und den Sack mit Kräutern stehlen, der dort gelagert wird. Die Trolle rauchen das Zeug, wissen nicht, wie wichtig es ist. Und direkt vom Feld können wir sie nicht nehmen, denn ich weiß nicht, wo die sind.« Er errötete, was ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. Er sah damit irgendwie fast schon putzig aus.

»Nur in die Hütte des Häuptlings? Das ist alles?« Wie stellt der sich das denn vor?

»Naja, ich weiß, du bist nur ein kleines Mädchen und nicht ausgebildet, aber wenn du wirklich eine Novizin der Kriegergilde bist, dann sollte das machbar sein. Aber wenn nicht – dann kann ich da auch nichts ändern. Versuch es wenigstens.«

»Verlier ich sonst meine Übernachtungsmöglichkeit?«

»Warum solltest du? Ich bin kein herzloser Baum. Ich würde doch niemals ein Kind im Stich lassen.«

Sie ballte die Hände zu Fäusten. Er nahm sie nicht ernst, er nahm sie einfach nicht ernst. »Also gut. Ich besorg dir deine Kräuter!« Und dann hörst du vielleicht endlich auf, mich als Kind zu sehen! Sie stemmte die Hände gegen den Tisch und stand auf.

»Willst du nicht erst einmal etwas essen? Und vielleicht wissen, wo das Dorf liegt und wie es aufgebaut ist?« Der Teller dampfenden Eintopfs roch verführerisch und Sinthari nahm wieder Platz. Beschämt löffelte sie die warme Mahlzeit, während Marzi ihr das Trolldorf der Badari aufmalte. Sie versuchte, sich alles zu merken und hoffte, nicht zu versagen, auch wenn die Flut an Informationen recht groß war und die Zeichnung sehr seltsam und schlecht deutbar.

 

Ihr Schwert hatte sie notdürftig an ihrem Gürtel befestigt. Es regnete noch immer und die Kälte war schier unerträglich. Doch davon wollte und konnte sie sich nicht abbringen lassen. Sie musste diesem Druiden beweisen, was in ihr steckte. Ihre erste Bewährungsprobe als Kriegerin. Der Weg, den er ihr gezeigt hatte, war steil, steinig und sah nicht sonderlich einladend aus. Marzi hatte ihr erklärt, dass dieser Pfad vor langer Zeit angelegt worden war, um die Freundschaft zwischen den Trollen und Druiden zu festigen. Über diesen Pfad waren sie wohl auch nachts über die Siedlung hergefallen, nahm sie an und war sich nicht sicher, ob es klug war, über diesen Weg die Trolle aufzusuchen. Aber nun war es schon zu spät. Versprochen war versprochen. Sie spürte den Blick des Druiden in ihrem Rücken, als sie losging und zwang sich, nicht zurückzublicken. Ihr Herz schlug wieder schneller, auch wenn sie dieses Mal nicht aufgeregt war, sondern eher ängstlich. Was, wenn sie dort ihren Tod finden würde?

»Denk nicht daran. Konzentrier dich. Du schaffst das.« Sie verbot sich jeden Gedanken an das Schlimmste, das eintreffen konnte. »Du schaffst das. Du kannst das. Du bist eine Kriegerin!«

Die Berge, die neben ihr aufragten, wirkten bedrohlich, sie fühlte sich eingesperrt, eingeengt. Der Regen verstärkte ihr Unwohlsein, ließ sie frösteln. Wenn die Informationen von Marzi richtig waren, dann würde das Dorf direkt hinter einem der Hügel liegen. Also kein langer Weg, den sie gehen musste. Ihr Schicksal würde sich wohl gleich erfüllen – auf die ein oder andere Weise.

»Thari, du schaffst das! Reiß dich zusammen!« Sie hatte sich noch keinen wirklichen Plan zurecht gelegt, wie sie die Kräuter beschaffen wollte. Oder ins Dorf schleichen sollte. Oder in die Hütte gelangen würde. Improvisation war alles, und wenn sie sich das lang genug einredete, würde sie das vielleicht sogar glauben. Die Dächer waren recht schnell in Sichtweite und langsam sollte sie sich Gedanken machen. Die Berge boten nur wenig Deckung, die Bäume hingegen waren schon eher hilfreich. Was, wenn sie über die Baumkronen kletterte? Würde es klappen, ungesehen in die Hütte zu gelangen? Über die Dächer? Sinthari runzelte die Stirn. Sie war keine Schurkin, die mit den Schatten verschmelzen konnte. Und sie war keine Magierin, die sich gänzlich unsichtbar machen konnte. Der Drang, reinzuspringen, reinzustürmen, war übermächtig, aber sie wusste, dass das ihren Tod bedeuten würde.

Entschlossen, sich gegen diesen Drang zu stellen, kletterte sie auf den ersten Baum hinauf. Oben, auf dem höchsten Ast, konnte sie das ganze Dorf überblicken. Die Dächer hatten Löcher, aus denen Rauch aufstieg. Kaminersatz? Irgendetwas Religiöses? Sie konnte es sich nicht erklären. Immerhin konnte es so in die Gebäude regnen! Das konnte einfach nicht heimelig sein. Aber wenn auch die Häuptlingshütte so ein Loch hatte, wäre das ein Kinderspiel. »Also gut, Thari, auf geht’s!«

Sie hockte sich auf den Ast, sprang mit aller Macht hinüber zum nächsten. Es war knapp und schmerzhaft. Und auch alles andere als leicht und angenehm. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie sich der Häuptlingshütte so weit genähert hatte, dass sie auf das Dach springen konnte. Es gab diese eine Fähigkeit, die nur Krieger besaßen, mit der man meterweite Sprünge vollbringen konnte. Sinthari hatte alles darüber gelesen, sie aber noch nie angewandt. Wenn es jetzt schief ging, war sie geliefert. Aber es würde nicht schief gehen, da war sie sich sicher. Konzentriert, auf ihr Ziel fokussiert, sprang sie ab – und landete knapp am Rand des Daches. Vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, schlich sie an die Öffnung und spähte hinein. Ihr Blick wanderte durch den schlecht beleuchteten Raum, suchte den Sack mit Kräutern und auch den Häuptling, doch sie fand weder noch. Hatte diese Hütte mehrere Stockwerke? Sie konnte es beim besten Willen nicht erkennen. Mit einem Seufzen tat sie das einzige, was noch übrig blieb: Sie schwang sich über die Öffnung und direkt in die Hütte hinein.

Ihre Landung verursachte ein lautes, dumpfes Geräusch und sie zuckte unweigerlich zusammen. Das war’s dann wohl mit anschleichen. Sie zog ihr Schwert und sah sich um. Ja, es gab mehrere Stockwerke und sie befand sich wohl im Schlafgemach des Häuptlings. Ein seltsam salziger Geruch hing in der Luft. Sinthari rümpfte die Nase. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, was diesen Geruch verursacht hatte und die Vorstellung hatte nichts Verlockendes an sich. Geduckt, mit gezücktem Schwert, schlich sie zur Treppe. Unter dem Schlafgemach befand sich der Thronsaal und neben dem Thron konnte sie Truhen und Säcke sehen. Gold, Kräuter, Fleisch, Waffen – die Trolle waren offensichtlich nicht arm. Sie beugte sich etwas nach vorne, versuchte mehr zu erkennen. Im flackernden Licht des Feuers erkannte sie Trophäen an den Wänden. Köpfe. Sie sah genauer hin – und presste sich die freie Hand an den Mund. Es waren Druidenköpfe.

Etwas knackte hinter ihr. Sie wandte den Kopf, sah über die Schulter. Ein furchterregender Troll mit langen Hauern und verzerrtem Gesicht stand über ihr. In seinen Händen hielt er eine große, klobige Keule. Sinthari schluckte. Das sah nicht gut für sie aus. Er grunzte laut, tief, beängstigend. Sie verstärkte den Griff um ihr Schwert, machte sich bereit. Kampflos würde sie nicht zu Boden gehen. Für einen Augenblick schien die Welt stillzustehen. Dann griff er an – gleichzeitig mit ihr. Sie schwang ihr Schwert, während sie ihm entgegensprang und ihm die Beine wegtreten wollte. Plötzlich fühlte sie sich unwohl. Angstschweiß brach ihr aus. Sie keuchte, ließ ihr Schwert fallen. Sinthari griff sich an die Brust, der brennende Schmerz, der durch ihren Körper tobte, war ihr fremd. Verwirrte sie. Was geschah mit ihr? Er hatte sie doch noch nicht einmal getroffen! Das hämische Grinsen des Trolls war das letzte, was sie sah, bevor die Welt um sie herum dunkel wurde und sie zusammenbrach.

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