Prolog

Der Wind war eisig. Ihre Wangen waren bereits rot und kribbelten, ebenso wie ihre Finger in den schwarzen, fingerlosen Handschuhen. Tuulikki hatte sie gewarnt. Der Herbst in Finnland konnte schlimmer sein als andernorts der Winter. Und sie hatte sowas von verdammt Recht gehabt. Der Kaffee, den sie mit beiden Händen fest umschlossen hielt, obwohl er sie längst nicht mehr wärmte, schmeckte nach Pappe.

Wann kam endlich die Bahn?
Sie spürte das bekannte Vibrieren an ihrem Oberschenkel. Den halbleeren Kaffeebecher auf den Boden stellend, fischte sie in der Tasche ihrer Jeans nach ihrem Handy.
Perfektes Wetter zum Zelten, findest du nicht? 😉
Ville.
Sie grinste, obwohl sie seine Nachricht bescheuert fand.
Wir werden elendig dort draußen verrecken, tippte sie mit tauben Fingern auf das Display. Weißt du, was mit dem Zug nach Espoo ist?
Ville tippte.
Sitzen alle schon drin, ist eben am Hauptbahnhof losgefahren. Sind gleich bei dir.
Sie seufzte tief, schickte ein zumindest noch halbwegs glücklich aussehendes Smiley und ließ ihr Handy wieder in ihrer Tasche verschwinden. Die anderen waren also wirklich mitgekommen. Insgeheim hatte sie gehofft, sie hätten es sich doch noch einmal anders überlegt.
Knarzend erwachte nun der Lautsprecher über ihrem Kopf zum Leben, die Menschen neben ihr auf dem Bahnsteig begannen sich langsam Richtung Bahnsteigkante zu schieben. Endlich kamen die roten Lichter des Zuges in Sicht. Eilig griff sie sich ihre Reisetasche und reihte sich ein in die Traube an Menschen. Gemächlich fuhr der Zug in den Bahnhof ein, ihr Blick klebte an den Fenstern der vorbeifahrenden Waggons. Mit einem Grinsen sah sie das lachende Gesicht einer wild winkenden Tuulikki hinter dem Fenster des dritten Wagens an ihr vorbeihuschen. Sobald der Zug angehalten hatte, drängten sich alle in den schützenden Innenraum. Es war bullig warm im Vergleich zum kalten Bahnhof.
„Anja!“, rief Tuulikki auch schon quer durch das Großraumabteil. Halb über die Lehne ihres Sitzes geworfen, winkte sie ihr freudig zu. Die bunte Pudelmütze hatte Tuulikki trotz der Hitze tief ins Gesicht gezogen.
„Hierher, wir haben dir einen Platz freigehalten“, erklang es in astreinem Englisch. Die schwere Reisetasche schulternd, machte sich Anja auf den Weg durch das Abteil und ließ sich schwer ausatmend auf den durchgesessenen Sitz am Fenster fallen.
„Na du Frostbeule, alles dabei, was man zum Überleben in der Wildnis braucht?“, lachte Ville in der Art, wie es nur Ville konnte. Sein Lachen schien stets sein gesamtes Gesicht einzunehmen. Anja nickte bedächtig.
„Ich denke schon“, erwiderte sie langsam und sah an Ville vorbei in zwei weitere, vertraute Gesichter.
Joonas hatte den Arm um Sannas schmale Schultern gelegt, sodass es aussah, als wolle sie in seinen Armeeparka kriechen.
„Ville hat schon erzählt, dass du das Wetter hier nicht besonders gut abkannst“, gab Joonas zur Begrüßung von sich und Sanna kuschelte sich nur wortlos enger an seinen Arm.
„Das stimmt so nicht. Ich hatte nur gemeint, dass in Deutschland niemand mehr im Oktober zelten geht“, entgegnete Anja desinteressiert die Schultern zuckend.
„Und in Deutschland kann es auch verdammt kalt werden“, stimmte Tuulikki pflichtbewusst mit ein und sah es nun doch für angebracht an, die bunte Mütze vom Kopf zu nehmen. Ihre feinen blonden Haare begannen sich bereits aufgrund des feinen Schweißfilms auf ihrer Stirn zu kräuseln.
„Wir werden es uns heute Abend schon gemütlich machen. Ich mache uns ein Feuer, damit du nicht frierst.“
Wieder das für Ville typische Lächeln, das jedes Mal seine grünen Augen zum Strahlen brachte. Belustigt musterte er ihre Jeansjacke.                                

Ja, vielleicht war das nicht die beste Wahl für diesen Campingtrip gewesen.
„Wo genau wollen wir eigentlich zelten?“, mischte sich nun auch Sanna mit leiser Stimme in die Unterhaltung ein. Sich aus der Umarmung ein wenig lösend, sah sie Ville fragend an.
„Joonas meinte nur irgendetwas von einem See.“
„Bodomin Järvi“, erwiderten Ville und Joonas wie aus einem Mund, ehe sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Tuulikki hielt sich stöhnend die Hände vor die Augen.
„Gott, nicht mehr lange und die beiden vollenden noch gegenseitig ihre Sätze“, zischte sie in Anjas Richtung.
„Das wäre aber auf Dauer irgendwie blöd für Sanna“, nahm Anja den Faden auf und warf der kleinen rothaarigen Schönheit einen verstohlenen Blick zu, wie sie eingeklemmt zwischen Joonas und Ville saß, die sich über ihren Kopf hinweg unterhielten. Sie schien Anjas Blicke zu bemerken. Unumwunden wandte sich ein Paar blauer Augen ihr zu.
„Anja, hast du eine Ahnung, was das für ein See ist? Joonas und Ville schwafeln mir die ganze Zeit einen vor, dass sie dir die finnische Natur näherbringen wollen.“
Sie verzog skeptisch die schmalen Augenbrauen.
„Nein, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Einfach irgendein See.“
Erneut ein verlegenes Schulterzucken.

Gott sei Dank hatte sie ja Tuulikki.
„Wir wollen Fotos für unser Kunstseminar machen und die Landschaft am Bodomin Järvi ist einmalig schön. Deswegen nehmen wir Anja mit“, klärte Tuulikki gönnerhaft die offensichtlich ahnungslose Sanna auf und wies ihr mit einem Kinnrucken, sich neben sie zu setzen, als Ville und Joonas anfingen ihre Fotoausrüstung aus den Rucksäcken zu kramen. Sich aus der warmen Umarmung gänzlich lösend und umständlich über Villes ausgestreckte Beine kletternd, machte es sich Sanna zwischen Tuulikki und Anja bequem. Die zunächst noch der Höflichkeit halber in Englisch gehaltenen, dann jedoch mehr und mehr ins Finnische abgleitenden Gespräche ausblendend, blickte Anjas aus dem Fenster. Hinter der Glasscheibe huschte die Landschaft wie im Zeitraffer vorbei. Die letzten Vororte Helsinkis waren schon verschwunden. Trotz der stehenden Hitze im Abteil begann sie zu frieren.

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