Mensch ärgere Dich – Annika Franke
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Es begab sich, dass zwei Göttinnen auf dem Olymp ihre 253188. Partie Schach spielten. Hera, sowohl Schwester als auch Gemahlin des Zeus, führte die schwarzen Figuren an. Athene, Göttin der Weisheit, taktierte, um den Weißen zum Sieg zu verhelfen. Seit einer geschlagenen Stunde überlegte sie sich schon ihren nächsten Zug.Stöhnend stützte Hera ihr Haupt auf eine Hand. „Wir haben nicht ewig Zeit, Athene.“Eine junge Frau kam kichernd um die Ecke geschlendert. „Oh doch, das haben wir“, sagte sie. Es war Eris, die Göttin der Zwietracht.Inzwischen hatte Athene in weiser Voraussicht einen ihrer Türme geopfert, dafür aber die Dame ihrer Gegnerin geschlagen. Hera, die schon zu viele ihrer Figuren eingebüßt hatte und erkannte, dass sie diese Partie verlieren würde, fegte mit einer unwirschen Handbewegung das Brett vom Tisch und klagte: „Dieses Spiel ist so ermüdend und schrecklich langweilig. Keine Minute länger halte ich es aus.“„Das ist dann wohl ein Sieg für mich“, verkündete Athene zufrieden.„Ich habe nicht verloren.“„Aber aufgegeben hast du und das kommt einer Niederlage gleich.“Hera wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und ersann daher eine Idee: „Was hältst du von einer Runde Mensch ärgere Dich?“ Denn darin war sie die ungeschlagene Meisterin. Athene konnte ihr in dieser Disziplin…

Kostas und Ioanna – Holger Vos
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Sie ging mit schnellen Schritten die Straße entlang. Es hatte aufgehört zu regnen; bunte Lichter spiegelten sich in den Pfützen. Ioanna war zufrieden mit sich, sie fühlte sich leicht, befreit. Mit dem Kapitel ‚Vater‘ hatte sie endgültig abgeschlossen. Darauf würde sie nun etwas trinken gehen. Sie befand sich in einem der Randbezirke der Stadt und blickte in eine der Seitenstraßen, die sich nach Norden wandten. Diese gab den Blick frei auf den mächtigen Burgberg Athens, die Akropolis, darauf der Parthenon, Tempel Athenas. Ioanna blieb stehen. Ein grell leuchtender Schriftzug lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich: „OLYMP – Bar & Café“. Warum nicht?, sagte sie sich, und ging hinein.Sie bestellte sich Tsipouro. Nach zwei Gläsern bemerkte sie, wie sich jemand neben sie setzte.„Was die Dame hat“, sagte eine angenehme Bassstimme.Augenblicklich spürte Ioanna ein elektrisierendes Kribbeln, das in ihrem Hinterkopf entstand und die Wirbelsäule entlang bis zu den Füßen schnellte. Sie fühlte sich lebendig und schön, und mit einem Mal war ein großes Interesse an dem Mann neben ihr erwacht. Sie strich ihr Haar hinter das Ohr und blickte zur Seite, in wache, glänzende Augen, deren Iris in Blau- und Grüntönen schillerte. Sie konnte nicht beurteilen, ob das Gesicht, in das sie gehörten,…

Höllische Mission – Sabine Winkler
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Prolog„Sie geht hier ein und aus.“„So ist es seit Anbeginn der Welt ihr Recht.“„Und auf Erden nimmt ihre Macht wieder zu. Ich existiere nur noch als Operettenfigur, ihr wird geopfert. Wir sollten der Sache ein Ende setzen. Überleg dir was!“„Wieso ich?“„Es geht um Frauen -“„Damit hab ich nichts zu tun. Du bist der Experte.“„Eben – deshalb bist du der Richtige, nicht vorbelastet.“„Und wer macht meinen Job? Im Frühjahr ist viel los!“„Niemand, dann müssen sie halt mal am Ufer warten – Zeit spielt eh keine Rolle mehr. Wenn bei denen Nacht ist, kannst Du runterkommen und weitermachen.“EinsDie Kratzbürste von gegenüber ließ schon wieder ihre Hunde im Garten herumkläffen, drei widerliche Exemplare einer Art schwarzer Riesenschnauzer. Fast täglich störten die Tölen Brigitte in ihrer Mittagsruhe. Nach dem Essen sackte sie meistens in einen Schlaf mit schweren Träumen, aus denen sie unsanft durch das Gebell gerissen wurde, bevor die Bilder wieder im Ozean ihres Unbewussten versanken. Erinnerungen, die ihr den Rest des Tages vermiesten, waren die Folge.Wieder einmal Pech für sie, dass Marie sich so eine ungehobelte Mieterin ausgesucht hatte. Doch wer zog schon in ein Dorf, in das sich im Sommer höchstens ruhesuchende ältere Paare zum Genusswandern verirrten? Außerdem musste das Haus…

Wie Norbert die Liebe suchte und Eros leider helfen wollte – Yansa Brünnling
Kurzgeschichten / November 28, 2016

 Norbert wünschte, er hätte die Nachricht nicht geöffnet. „Tut mir Leid, aber ich bin nicht interessiert.“ Warum hatte er sich eigentlich noch Hoffnungen gemacht? Das war bereits die fünfte Frau, die er auf dieser Datingseite angeschrieben hatte. Und fünfmal hatte er eine Absage kassiert. Norbert lehnte sich in seinem Stuhl zurück und seufzte. Er würde wohl niemals eine Freundin haben. Wenn er sogar im Internet keine Chance hatte.Norbert schloss den Browser und startete stattdessen ein Spiel. Vielleicht war es besser so. Eine Freundin würde ihm sicher nur sagen, dass er nicht so viel am Computer sitzen sollte. Gerade hatte er die Kampagne geladen, als ein lautes Poltern erklang und jemand fluchte. Norbert fuhr herum. Das Kellerfenster war aufgestoßen worden und durch den Rahmen zwängte sich ein Mann.„So ein Mist“, rief dieser, anscheinend steckte er fest.Panisch griff Norbert sich den erstbesten Gegenstand vom Schreibtisch, eine Flasche Raumspray mit Ozeanduft, und hielt sie wie eine Waffe vor sich. „Keine Bewegung!“, rief er.Der Mann sah auf. Obwohl es wirklich nicht der richtige Zeitpunkt war, konnte Norbert nicht umhin zu bemerken, wie gut er aussah. Ein perfekt gestutzter Kinnbart, funkelnde blaue Augen, glänzendes Haar und makellos glatte Haut. „Sorg‘ dich nicht“, rief der Mann…

Hades‘ Wille – Markus Prenner
Kurzgeschichten / November 28, 2016

  Frank kam gerade aus dem Krankenhaus. Vor knapp einer Woche hatte ihn ein leichter Herzinfarkt dorthin befördert. Herzinfarkt, dachte er noch immer erschüttert. Er war knapp sechzig Jahr alt. In der heutigen Zeit war das doch noch kein Alter! Gute zwanzig Jahre könnte er doch sicher noch haben. Frank hatte seine Laster, die er nicht aufgeben wollte. Dinge wie rau…

Elias – Hemmi A. Caulfield
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Noch einmal drehe ich mich um, als wir im Begriff sind, die Treppen zur U-Bahnstation hinunter zu gehen. Der Brunnen, den ich hinter mir aus dem Augenwinkel gesehen habe, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Meine Füße schmerzen, ich bin müde, alles was ich möchte ist, mich auf das zu harte Hotelbett fallen zu lassen und für die nächsten Stunden dort liegen zu bleiben, nichts zu tun, außer Cola zu trinken und die letzten Chipskrümel aus der Tüte von gestern Abend zu verspeisen. Doch der Brunnen übt eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft auf mich aus. Irgendetwas an ihm ist besonders. Ein sanftes Beben durchfährt mich.Apathisch drehe ich um und gehe mit langsamen, vorsichtigen Schritten auf ihn zu. Ich achte nicht darauf, was die anderen tun und ob sie bemerkt haben, dass ich nicht mehr bei ihnen bin. Den ganzen Tag haben wir pedantisch, fast peinlich, darauf geachtet, dass wir uns in dieser fremden Stadt nicht verlieren. Selbst wenn sich nur jemand den Schuh zuband, warteten wir alle brav, wie eine Gruppe Schulkinder, ängstlich, einander zu verlieren, aufeinander. Mit jedem Schritt weicht meine Erschöpfung einer Aufregung, die meine Fingerspitzen erzittern lässt. Instinktiv weiß ich, etwas an diesem Brunnen ist außergewöhnlich. Er ist riesig…

Das Schicksal ist ein mieser Granatapfel – Jana Franke
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Jetzt bin ich gerade 17 geworden und um mich herum ist Winter. Ich weiß nicht, wieso du weg bist, Kore. Demeter ist wahnsinnig vor Schmerz. Sie hat ihren Laden geschlossen. Die Blumen sind erfroren. Mama und Papa sind bei ihr. Aber das hilft nicht. Es schneit und schneit. Wir haben Mai. Der Schnee der Berggipfel fällt ins Tal und die Jahreszeit heißt Winter. Ich sitze im Olivenbaum mit allen Decken, die ich finden kann, starre vor mich hin und höre auf das Klappern meiner Zähne. Wieso bist du weg? Du warst doch eben noch da. Hast du dich verlaufen? Bist du entführt worden? Kore verdammt, bist du abgehauen? Wegen dem Typen von neulich? Wegen dem Hades Wader? Heißt dein Onkel nicht auch Hades? Der war doch kürzlich zu Besuch. Hades. Mein Gott, so ein Scheiß. Hades, Gott der Unterwelt. Hades, der Totengott. Ich habe es nachgegoogelt. Oder Hades Müller aus dem Nachbarort? Wieso der? Der doch nicht. Der ist doch eklig. Kore, gib mir ein Zeichen, verdammt. Was ist mit dir? Lebst du?Hat dich so ein verdammter Hades in seiner Gewalt? So ein Idiot, der junge Mädchen stiehlt? Verkauft, verführt, vergewaltigt? Oh Himmel, lass es nicht wahr sein. So ein…

Akúo – Matthias Delbrück
Kurzgeschichten / November 28, 2016

Es kitzelte leicht am Hals, ein feuchter Hauch am Ohr, wie ein Tautropfen. Er riss seine Augen auf und sah ein Frauengesicht von sich zurückweichen. Dann stand die Figur im Gegenlicht der viel zu warmen Novembersonne vor ihm und blickte mit leicht geöffnetem, aber schweigendem Mund auf ihn und sein halb besetztes Zweiertischchen. Und schien ihn trotz seinem leuchtend hellgelben Pullunder auch wieder nicht richtig zu sehen. Und dies lag nicht nur an ihren dunklen, strubbeligen Stirnfransen, ihre Augen wirkten irgendwie grundsätzlich unscharf. Sie waren so bräunlich-blass wie ihr Strickpullover.Wie oft passiert einem denn sowas? Du döst vor dem Marktcafé einmal kurz weg, und schon steht eine unbekannte Frau vor dir und hat dich geküsst. Aufs Ohr! Und jetzt?„Hallo! Ich bin deine Muse.“ Ihre Lippen bewegten sich auch beim Sprechen kaum. „Du bist Friedhelm; Friedhelm Lorenz, aus Lützelsachsen, 28 Jahre? Der schwerhörige Verlagsangestellte?“Er rutschte etwas auf seinem Metallstuhl herum, fühlte sich irgendwie ertappt. „Na ja, ein Verlag ist das schon, aber ich mache eher EDV. Meistens so Sachen, die man auch sein lassen könnte … ja und sorry, ich höre tatsächlich nicht so gut.“Was soll denn das jetzt? So persönlich antwortet man doch nicht einer Wildfremden. Und warum verstehe ich…

Das Flüstern des Todes – Stephanie Richter
Kurzgeschichten / November 28, 2016

PersephoneMeine Welt war ein Grab. Und in ihr herrschte Dunkelheit. Ich vermisste den Wind in meinen Haaren und das Gras unter meinen Füßen. Ich vermisste das Lachen der Menschen. Ich vermisste es, selbst ein Mensch zu sein. Für eine kurze Spanne war es mir zwar erlaubt, zu ihnen zurückzukehren. Aber ich war keine von ihnen mehr. Die Augen der Olympier waren überall, überwachten jeden meiner Schritte. Unter Menschen zu sein war zwar erlaubt, aber mit ihnen zu leben strengstens verboten. Denn dieses Zugeständnis, hatte keineswegs meinem Wohl gedient, sondern dem Zweck die Natur weiterhin zum Blühen zu bringen. Und so war Kore, das Mädchen, das ich einst war, Stück für Stück verschwunden. Anfangs hat Hades‘ Anblick mich das alles vergessen lassen … Doch auch wenn Zeit unendlich ist – Liebe ist es nicht. Oder bewirkt unter der Erde zu leben, dass man sich nach und nach wie eine Tote fühlt? Seltsam. Nicht einmal, als ich ihn zusammen mit Aphrodite sah, war da das geringste Aufflackern von Zorn gewesen. Obwohl ich aus Liebe zu ihm alles was ich war aufgegeben hatte. Und da wurde die Ahnung Gewissheit. Aus mir war eine wandelnde Tote geworden. Also brach ich die Regeln. Meine Füße…